Kunzenhof

„Lernort Kunzenhof“ erhält erneut UNESCO-Auszeichnung

Zum dritten Mal in Folge zeichnet die Deutsche UNESCO-Kommission den „Lernort Kunzenhof“ in Littenweiler für sein vorbildliches Bildungskonzept einer „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) aus. Damit gehört der Lernort Kunzenhof zu den Projekten, die das Anliegen dieser weltweiten Bildungsoffensive der Vereinten Nationen im besten Sinne umzusetzen wissen: Sie vermitteln Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen nachhaltiges Denken und Handeln. Ziel ist, das Bewusstsein jedes einzelnen über die Konsequenzen seines eigenen Handelns im Hinblick auf andere Völker und auf die Zukunft zu fördern.

Hinschauen, anfassen, mitmachen und mitreden stehen bei den Projekten am Kunzenhof auf der Tagesordnung. Die zentralen Fragen, um die sich dabei alles dreht, sind gerade in unserer modernen, konsumorientierten Gesellschaft von großer Bedeutung: Wo kommt unser Essen her?, Woraus und wie entstehen die Fasern unserer Kleidung?, Wie wird Energie gewonnen? Durch aktive und praktische Beschäftigung mit diesen Themen wird in den Projekten eine Verbundenheit mit der Herkunft unserer Nahrung, Kleidung und Energie gewonnen, die den Teilnehmer/innen eine neue Perspektive auf den Wert jener Dinge eröffnet: Hätte die jugendliche Teilnehmerin nicht ihre Scheu überwunden und sich nicht beim Melken der Ziege versucht, dann wäre für sie zeitlebens die Vorstellung eines kalten und glitschigen Euters in Erinnerung geblieben. Die warme, weiche Quelle unserer Milch ist ihr im eigenen Handeln zu einem bleibenden Erlebnis geworden.

Auch das BNE-Jahresthema „Ernährung“ rennt beim Lernort Kunzenhof offene Hoftore ein: Seit diesem Schuljahr sind die beiden Bioland-Vollerwerbsbetriebe Küferhof in Ebnet und Thaddäushof in Kirchzarten mit 30 Halbtagesprojekten mit den Schüler/innen der 7. Klassen des Angell-Gymnasiums in diese zukunftweisende Bildungsarbeit eingestiegen.

Die Gefahr, die die derzeitige „Übernutzung“ der Erde vonseiten der westlichen Welt mit sich bringt, ist allgemein bekannt. In der Regel wirkt diese sich negativ auf die ökologischen und sozialen Mindeststandards der Billiglohnländer aus. Das ist der Preis, den die Menschen und die Natur dort bezahlen für das T-Shirt, das für uns so billig ist.

Der gemeinnützige Verein „Jugendprojekt am Kunzenhof e.V.“ wird neben den Teilnehmerbeiträgen aus den Veranstaltungen überwiegend durch Spenden finanziert. Seit Herbst 2011 unterstützt auch die Stadt Freiburg das Bildungsprojekt. Die UNESCO-Auszeichnung ist von rein ideellem Wert.

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Der Lernort Kunzenhof liegt am östlichen Stadtrand von Freiburg – Littenweiler (hier Luftbild). Der über 300 Jahre alte Schwarzwälder Bauernhof ist von etwa 2 ha Grünland umgeben. Es gibt einen bäuerlichen Haus- und Kräutergarten, ein Feldchen und  einen kleinen See, der von der hauseigenen Quelle gespeist wird. Das Gelände wird mit Hilfe der Tiere (Esel, Ziegen, Schafe, Enten, Hühner) gepflegt. Seit 1986 wird der Hof von der Familie Plappert bewirtschaftet. Aus der Bitte von Eltern, die nach sinnvollen Freizeitinhalten für ihre Kinder gesucht hatten, entwickelte sich seit dem Jahr 1999 ein vielseitiger Lernbauernhof für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

KirschblüteAußer dem Versorgen und der Pflege der Nutztiere, steht jede Veranstaltung des Lernbauernhofes unter einem bestimmten Thema. Im Hintergrund steht dabei die Frage: Wo kommt mein Essen und Trinken her, woher meine Kleidung und woher die Energie, die ich nutze – drei grundlegende Dinge, die jeder Mensch zum Leben braucht. Mehr dazu lesen Sie in unserem aktuellen Flyer (öffnet eine PDF-Datei).

Globaler Hintergrund

In unserer westlichen Gesellschaft haben wir uns sehr weit von diesen Grundlagen entfernt. Wir haben den Kontakt zu Herstellung und Produktionsbedingungen aus den Augen verloren. Wir haben die Tiere, die unsere Nahrungsmittel produzieren unter würdelosen Lebensbedingungen in abgeriegelte Ställe verbannt. Wir haben die Produktion von Lebensmitteln, Textilien und Energieträgern wie etwa Palmöl und  Zuckerrohr zum größten Teil in weit entfernte Länder ausgelagert, immer unter nicht weniger lebensfeindlichen Bedingungen für Menschen und Natur .

Die große Herausforderung des 21. Jahrhunderts ist die Übernutzung der Erde insbesondere von den Menschen der westlichen, industrialisierten Länder. Das ist seit den Konferenzen von Rio (1992), Johannesburg (2002), sowie den Millenniums-Entwicklungszielen (2000) keine „ Wissensfrage“ mehr, sondern eine Herausforderung an die Handlungsfähigkeit der Gesellschaft. Die drängende Aufgabe der Gegenwart besteht darin, das Leben, Konsumieren und Handeln in einen zukunftsfähigen, nachhaltigen Lebensstil zu verwandeln.

Die Vereinten Nationen sehen die größte Bedeutung zum Erreichen der geforderten  Ziele im Bereich der Bildung. Daher hat die UN die Jahre 2005 bis 2014 zur Weltdekade der Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) ausgerufen. In den Bildungsplänen aller Schularten ist BNE verankert. Die vielseitige, biologisch wirtschaftende, kleinbäuerliche Landwirtschaft ist ein idealer Lernort für alle Bereiche der nachhaltigen Bildung. Der Lernort Kunzenhof ist seit dem Jahr 2008 offizielles Projekt der Weltdekade BNE.

Was bietet der Kunzenhof an?

Bei allen Veranstaltungen am Lernort Kunzenhof sind land- und forstwirtschaftliche Tätigkeiten Ausgangspunkt für altersgemäße Reflektionen im Sinne der UNESCO-Dekade für eine Bildung für nachhaltige Entwicklung. In der Regel dauert eine Veranstaltung 3-4 Std. Da es keine „1-Mal-Events“ gibt, können bei den 4-10-maligen Besuchen die Erlebnisse und Inhalte „nachhaltig“ vertieft werden. Der Betreuungsschlüssel von 2 Erwachsenen pro 10 Kinder ermöglicht jeder/m Teilnehmenden selbst aktiv tätig  zu werden. Niemand muss nur zuschauen. Voller Körpereinsatz und Geschick sind gefragt. Lesen Sie mehr im pädagogischen Konzept des Lernorts Kunzenhof (PDF-Datei).

Die Kinder im Kindergartenalter werden von verstandesgeprägten Erklärungen verschont und können mit allen Sinnen in die vielfältigen Erlebnisse beim Versorgen und dem Kontakt mit den Nutztieren eintauchen.

Kinder auf FeldIm Grundschulalter hat die Freude am Schaffen und am Erleben von sinnvollen Zusammenhängen ihren Höhepunkt. Die Kinder dürfen das „Gute“, das „Wahre“ und das „Schöne“ des Bauerseins in seiner ganzen Fülle auskosten. Skandale und Tragödien der modern industrialisierten Landwirtschaft haben im Grundschulalter keinen Platz.

Die Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufen erleben die tiefe Befriedigung beim sinnvollen Einsetzten ihrer Kräfte. Oft erkennen sie zum ersten Mal die wirkliche Bedeutung der bis dahin meist rein kognitiv gelernten Inhalte. Die Schülerinnen und Schüler der oberen Klassen, die Verbraucher der Zukunft, sollten die ökologischen, sozialen und ökonomischen Zusammenhänge ihres Konsumverhaltens kennen lernen. Bei ihren Einsätzen auf dem Bauernhof erleben sie die Diskrepanz ihrer – in der Regel – städtischen Lebensgestaltung zu dem bäuerlichen Leben in Abhängigkeit von Wetter, Boden und Wasser, sowie der Verantwortung für Pflanzen und Nutztiere.

Die Erwachsenenbildung, als Elterngeneration, sowie die Fortbildung im Rahmen der Lehrerausbildung gewinnt am Lernort Kunzenhof seit Jahren an Bedeutung.

Anbei ein Zitat des Nachhaltigkeitsbeirats BW 2008 („Zukunft gestalten, Nachhaltigkeit lernen,“ Seite 7): „[...] BNE muss zu einem Schwerpunkt in der Lehrerausbildung werden. Man könnte auch analog zu einem Pädagogikum oder Philosophikum an ein BNE- Zertifikat denken, das jeder Lehrer und jede Lehrerin vorweisen muss, ehe der Schuldienst angetreten werden kann. Möglich wäre auch, dass für alle LehramtskandidatInnen das Thema BNE zum Prüfungsinhalt in den Abschlussprüfungen gehört.“

Das Ziel der Veranstaltungen am Lernort Kunzenhof ist, den eigentlichen Wert der Dinge, mit denen wir uns umgeben, im eigenen Tun wieder erlebbar werden zu lassen.

In Bildungsstandards, Aktionsplänen, Orientierungsrahmen, Nachhaltigkeitsstrategien… wird unermüdlich auf die große Bedeutung des Lernens für eine nachhaltige Entwicklung durch selbst tätig werden in authentischen Situationen, sowie an außerschulischen Orten und Lernorten hingewiesen.

Gabriele Plappert

 

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